• 22. - 26. Oktober 2020
  • MESSE WIEN

Möbelindustrie: Die heimlichen Gewinner der Coronakrise

 

Die Möbelbranche verzeichnet seit der Wiedereröffnung Rekordumsätze. Reed Exhibitions hat zwei Brancheninsider befragt, was hinter dem Sturm auf Möbelhäuser steckt.

 

Text von Ursula Rischanek, freie Redakteurin 

 

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Sitzgarnituren stehen auf der Wunschliste ganz oben beim Ansturm auf die Möbelhäuser.

 

Nicht nur die Garten- und Baumärkte werden in den letzten Wochen gestürmt. Viele Einrichtungshäuser verzeichnen ebenfalls einen regelrechten Besucherandrang, der sich auch in den Umsatzzahlen niederschlägt. Auf der Wunschliste ganz oben stehen Sitzgarnituren, Tischgruppen, Sessel sowie Matratzen. Heiß begehrt sind auch Termine bei Küchenplanern, haben sich doch zahlreiche Wohnungsübergaben durch den Corona-Lockdown verschoben. Alfred Maierhofer meint dabei einen Trend entdeckt zu haben. Laut dem Inhaber von Wohndesign Maierhofer hat sich der nach regionalen Produkten nochmal verstärkt. Das kann sein Branchenkollege Johann Klein, Obmann des Gremiums Elektro- und Einrichtungsfachhandel in der Wirtschaftskammer Wien und Eigentümer des gleichnamigen Möbelhauses nur bestätigen. Aber warum wurde die Möbelindustrie zum heimlichen Gewinner der Coronakrise? Diesen Gründen ist Veranstalter der „Wohnen & Interieur“, Österreichs größter Plattform für Wohnen und Design, Reed Exhibitions auf den Grund gegangen und hat dabei interessante Ansätze entdeckt.

Geschlossene Gastronomie führt zu Möbelkauf
Dass das eine oder andere neue Möbelstück in den Wohnungen und Häusern Einzug hält, führen die beiden Brancheninsider auf verschiedene Faktoren zurück. Zum einen habe sich einfach so manche bereits länger geplante Investition durch die wochenlange Sperre der Möbelhäuser nach hinten verschoben. Zum anderen hätten die meisten von uns noch nie so viel Zeit in den eigenen Wänden verbracht wie in den vergangenen Monaten. „Das hat dazu geführt, dass den Bewohnern das eine oder andere Manko wirklich bewusstgeworden ist und jetzt geändert wird“, weiß Klein. Dass die Menschen Zeit zum Nachdenken und Reden hatten, habe die Umsetzung von Änderungswünschen ebenfalls beschleunigt. Oft sind es aber auch ganz praktische Gründe, die zur Anschaffung neuer Möbel führen. „Wegen der Beschränkungen in der Gastronomie treffen sich viele Familien daheim. Sind die Tische für diese Treffen zu klein, muss ein neuer her“, erzählt Maierhofer.

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Das eigene Heim als Rückzugsort.

 

Die Rückkehr ins Biedermeier-Zeitalter
Der Trend zu „Schöner Wohnen“ hat aber noch einen anderen Grund: Die eigenen vier Wände haben in der Krise definitiv an Bedeutung gewonnen, sind sich die beiden einig. „Das Daheim wird in unsicheren Zeiten als Zuflucht empfunden. Es ist fast wie eine Rückkehr ins Biedermeier-Zeitalter.“ Johann Klein, Obmann des Gremiums Elektro- und Einrichtungsfachhandel in der Wirtschaftskammer Wien. Die Kunden seien, zumindest im Fachhandel, auch bereit, dafür die Börsen weiter zu öffnen. Das kommt, so Klein und Maierhofer, in Krisenzeiten nicht von ungefähr: „Viele, die Ersparnisse auf der hohen Kante haben, sind verunsichert. Sie investieren daher lieber das Geld, als es auf dem Konto oder dem Sparbuch zu lassen.“ Nur selten wird Klein zufolge dabei übrigens nach einem Corona-Rabatt gefragt. Der Kauf eines neuen Möbelstücks erweist sich für den einen oder anderen derzeit jedoch als Geduldsprobe. Lieferzeiten von zehn bis zwölf Wochen oder mehr sind angesichts von Kurzarbeit und starker Nachfrage momentan keine Seltenheit. „Aber allmählich normalisiert sich die Lage wieder“, freut sich Klein.

Wohnungsübergabe in Wien floriert
Ob der derzeitige Boom nachhaltig sein wird oder in einigen Wochen wieder abflacht, wollen Klein und Maierhofer nicht beurteilen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass angesichts von Kurzarbeit und Rekordarbeitslosigkeit bei vielen große Sprünge drinnen sind“, sagt Maierhofer. Hoffnung, dass das Jahr dennoch ein gutes werde, gibt Klein die Tatsache, dass heuer in Wien so viele Wohnungen wie seit langem nicht übergeben werden. „Die Stimmung ist positiv“, sagt er.